Textatelier
BLOG vom: 10.08.2017

Der Autor und die Fäkalsprache

Verfasser: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Sehr geehrtes Publikum, herzlich willkommen zu einer weiteren Literatur-Sendung
TEXTE: Produzieren - publizieren - kommunizieren!

„Heute wollen wir mit einem Schriftsteller über sein neuestes Werk sprechen.
Wir freuen uns sehr, dass Sie wieder zugeschaltet haben!

Wir haben einen Schriftsteller zu Besuch, der den meisten von Ihnen noch völlig unbekannt sein dürfte. Er hat nämlich erst vor einem Monat in einem Alter, in dem anderen bereits die Kreativität ausgeht, ein Erstlingswerk geschrieben.

Wir verraten den Namen nicht, sondern Sie, verehrtes Publikum, haben die Möglichkeit eines von 10 Exemplaren zu gewinnen, wenn Sie sowohl den Namen als auch den bürgerlichen Beruf des Schriftstellers erraten. Sie müssen nur bis kurz vor dem Ende der Sendung eine Mail an den Sender mit dem Namen und mit dem Beruf des Autors und mit Ihren eigenen Angaben senden. Eines sei schon verraten: Er trägt den Namen eines bekannten Schriftstellers, der im 18. und 19. Jahrhundert gelebt hat.

Sehr geehrter Herr X, herzlichen Dank, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind!

Ich danke Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen!

Ihr Buch wird zuerst einmal viele Leser abstossen. Es handelt nicht zuletzt von dem, was der menschliche Körper an Abfall produziert. Sie beschreiben es mit drastischen Worten:
Ich zitiere: ‘Scheisse, Dünnschiss, Pisse, Fürze, Kotze, Rotze, Eiter, Frostbeulen, Mösensekt.’ Müssen es solche ekelerregenden Begriffe sein?

Es sind nun einmal Wörter für Vorgänge des Körperlichen, die es in der deutschen Sprache und damit auch im Sprachgebrauch gibt! Warum soll ich sie dann nicht auch so nennen?

Da stimme ich Ihnen zu, aber diese Wörter sind in der Regel kein Gesprächsstoff.

Das sehe ich anders! Denken Sie an Martin Luther, der für die deutsche Sprache sehr viel geleistet hat. Fast jeder in Deutschland kennt den Spruch, der nicht selten in den Toiletten der deutschen Haushalte zu finden ist: ’Aus einem verzagten Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz!’ Oder der andere, auch sehr bekannte Ausspruch: ‘Warum furzet und rülpset ihr nicht, hat es Euch nicht geschmecket?’

Zugegeben, Luther wollte, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, dem Volke aufs Maul schauen. Aber übertreiben Sie damit nicht stark?

Sicher nicht, es geht um den menschlichen Körper, der diesen Ausstoss produziert! Und wenn Sie das genauer betrachten, es gibt viele Berufszweige, die sich ein ganzes Arbeitsleben damit beschäftigen!

Wen meinen Sie?

Ich denke an Ärzte mit der Fachrichtung: Gastroenterologie, Gynäkologie, Bakteriologie, Endokrinologie, Hämatologie, Infektiologie, Urologie, Proktologie, Pathologie und was es sonst noch gibt, bis zum Bestatter, Totengräber, Laboranten, Installateure, Kläranlagenarbeiter, usw.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch darüber zu schreiben?

Das will ich Ihnen verraten: Mein Hausarzt hat mal eine Ultraschalluntersuchung meines Verdauungstraktes und meiner Galle und Leber gemacht und gesagt: ’Der Darm ist eine Gasfabrik, das ist eine seiner Aufgaben. Das was gärt, muss auch ausgeschieden werden.’

Seine Worte waren aber bei Weitem nicht so drastisch wie Ihre Begrifflichkeit!

Wussten Sie, dass der Urologe seine Patienten melkt?

Meinen Sie das im Ernst?

Sicher, er drückt auf die Prostata und melkt Prostatasekt, ich meine natürlich Sekret!

Das ist ganz neu für uns! Aber zurück zu Ihrem Buch! Ist es nicht so, dass Sie mit einem Tabubruch Aufmerksamkeit erregen wollten. Das ist im Literaturbetrieb nichts Ungewöhnliches!

Ich sehe keinen Tabubruch, aber die Zuschauer sind bestimmt ganz wild auf Ihre These! Spannen Sie sie nicht auf die Folter, sonst pinkeln sie noch aus Vorfreude in ihre Hosen!

Na, so schlimm wird es nicht werden! Ich meine, dass viele erfolgreiche Schriftsteller zuerst mit einem Tabubruch begonnen haben! Ich denke an Charlotte Roche mit ihrem Erstlingswerk „Feuchtgebiete“, der Titel bezieht sich besonders auf die Vorgänge rund um den Unterleib und beim Sex, die sie ohne ein (Scham-)Blatt vor die Vagina zu nehmen, beschreibt; ich denke an Elfriede Jelinek mit dem Buch „Lust“, allerdings sind Tabubrüche bei dieser Schriftstellerin nicht selten. Günter Grass erregte mit der Onanierszene in seinem Buch ‘Katz und Maus’ viel Aufsehen.Manchmal reicht allerdings der Tabubruch nicht aus, um Publikumsliebling zu werden, etwa in dem Buch „Die Sache mit Peter“ geht es um eine homosexuelle Beziehung zwischen einem 15- und einem 30jährigen, geschrieben von einem gewissen Max Meier-Jobst.

Ich habe es zumindest in Ihre Talk-Show geschafft, ist das nicht schon ein Durchbruch?

Das ist abzuwarten, und dazu können Sie heute ein Teil  beitragen! Tabubruch ist das Eine, Bestseller zu werden das andere!

Dann kotzen Sie sich doch mal aus, was ich tun muss! Ich hatte nie das Ziel, mit meinem Buch berühmt zu werden! Aber wenn es sich gut verkauft, um so besser!

Wir denken, zum Berufsschriftsteller wird’s nicht reichen! Aber jetzt einmal ganz frei heraus: Was haben Sie sich dabei gedacht? Gehört die Fäkalsprache zu ihrer Sprachgewohnheit?

Da ich eine ganze Menge der modernen Fürze der Moderatoren, der sich auskotzenden Schauspieler und Möchtegern-VIP’s in den Talk-Shows, aber auch die Meinungsscheisse, die in Tagesschau und -themen und sonst wo verbreitet werden, bei mir einfach ein kotzübles Würgegefühl verursachen, (jedenfalls kommt mir die tiefgelbe Galle hoch); gesehen habe, habe ich mir gedacht, warum soll ich denen nicht einmal drastisch vorführen, was für Eiterbeulen sie Tag für Tag platzen lassen!

Ihr Protagonist ist also ein Moderator einer bekannten Talk-Show. Ich bin, wie Sie sicher erkennen, auch einer, aber so wie Sie Ausführende meines Berufszweiges sehen, das weise ich strikt von mir! Das ist fast eine Verleumdung, auf jeden Fall pure Fantasie!

Wenn Sie wollen, bekräftige ich Ihr Anliegen und sage: ‘Anwesende ausgeschlossen!’

Da bin ich aber beruhigt! Trotzdem empfinde ich Ihr Buch als einen Angriff auf die Schaffenden im Fernsehen und Rundfunkt!

Noch ein Zitat: ‘Wer sich den Schuh anzieht, dem wird er wohl passen!’ Oder glauben Sie etwa selbst, dass das, was Sie so produzieren, keine hinterfotzige, oft ekelerregende Scheisse und Pisse ist! Das schöne neudeutsche Wort „Fake-News“, und das ist das, was nicht zuletzt oft bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern produziert wird, lässt sich gut mit ‘Fäkalien’ assoziieren.

Einspruch, ich empfinde mich als seriös! Die Einschaltquoten zu dieser meiner Literatur-Show sagen mir auch, dass meine Zuschauer /-innen meine Sendung und die Art und Weise, wie ich sie mache, positiv sehen. Und in den Sozialmedien werde ich darin ebenso bestätigt.

Sie kriechen ihnen ja auch gehörig in den Arsch! Immer schön das machen, das sowohl dem Intendanten und dem Regisseur so passt. Haben Sie eigentlich auch eine eigene Meinung?

Selbstverständlich, schliesslich sitzen Sie ja auf meine Anregung hin hier!

Ich wette, der Intendant hat gemeint, Fäkalsprache ist das, was Ihre Zuschauer verstehen, die Einschaltquote wird erhöht, und damit der Werbeetat, also etwas für Arschgeigen! Da kann einem doch nur kotzübel werden!

Ich verwehre mich gegen diese Beleidigungen!

Wollen Sie etwa von sich weisen, dass Sie und Ihr Körper täglich Scheisse und Pisse produziert, und wenn Sie ein wenig Schnupfen haben, auch noch Rotz! Garnicht davon zu reden, was Ihr Körper so ausspuckt, wenn Sie ihr Fortpflanzungsorgan in Aktion bringen. Und erst der nach Bakterien stinkende Schweiss, der ihnen den Rücken hinunterrinnt, wenn die Scheinwerfer ihr Licht darauf knallen! Hinzu kommt das, was Sie gar nicht wahrnehmen, angefangen vom Speichel, Mundgeruch über Hautschuppen und Haarfett und was es sonst noch so gibt! Nur Fusspilz ist schöner!

Wollen Sie den Zuschauern und mir etwa weismachen, dass das, was Sie so von sich geben, wertvoll ist, Wertstoffmüll, wie es im neudeutschen Beschönigungsjargon heutzutage heisst?

Im Laufe Ihres Buches ekelt sich der Protagonist von Tag zu Tag immer mehr vor sich selbst. Seine Selbstachtung, sein Berufsethos, sein tägliches Dasein kotzt ihn, so drücken Sie sich aus, immer mehr an. Sie stellen also sein eigenes Empfinden und sein Ehrlichsein gegen sich selbst auf die eine Seite und die Aufgabe, die der gewählte Beruf von ihm verlangt, auf die andere!

Ganz richtig! Und meinen Protagonisten will ich nur als ein Beispiel für alle diejenigen sehen, die mit der Zeit ihr eigener Beruf immer mehr zum Hals herauskommt, die sich am liebsten täglich darin auskotzen und ausscheissen wollen! Viele ersticken fast in der Kloaken-Gülle, im heutigen Sprachgebrauch nennt man das dann ‘Burnout’!

Sie wollen also mit Ihrem Buch unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten?

So kann man es sehen! Ich möchte Ihnen und Ihren Zuschauern einen Schwank aus meinem Leben erzählen! In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts lebte meine Familie zeitweise in Bielefeld, sie wissen schon, die Stadt, die von den einen mit dem Spruch bedacht wird: ‘Triffst du dich auf dieser Welt, triffst du dich in Bielefeld!’ und von den anderen bezweifelt wird, dass es sie überhaupt gibt. Dort gab es, und es gibt sie immer noch, eine Schule, die damals unter der Leitung von Hartmut von Hentig ‘Laborschule’ benannt wurde, also als ein pädagogisches Experiment konzipiert war. Es gab im ganzen Gebäude keine Türen, die Schüler lernten in kleinen Gruppen verteilt, der Lehrplan war offen, es wurde an die Eigenverantwortung der Schüler appelliert und an ihren Lernwillen. Die Schüler waren also die Versuchskaninchen und man hoffte auf intelligente Köttel, die sie unter diesen Voraussetzungen ausscheissen sollten. Ich war ein Schüler dieser Schule und erkannte immer mehr, dass die ganze Gesellschaft mit ihrem kapitalistischen Wirtschaftsstreben für’n Arsch ist und gegen die menschliche Natur. Und das habe ich dadurch zum Ausdruck gebracht, dass ich an einem Tag, in dem ich kurz allein in dem Raum war, in die Musikecke vor das Klavier geschissen habe.

Haben Sie sich dazu bekannt? Was ist daraus geworden?

Nö, ich habe nicht eingesehen, dass ich auch noch dazu gebracht werden sollte, meine eigene Scheisse wegzuräumen! Das war eine gesellschaftlich bedingt Äusserung! Zuerst war jeder empört und hat sich die Nase zugehalten. Danach wurde das Ereignis ‘diskutiert und aufgearbeitet’. Und dann, trara trara!, fanden die Schüler nach den Ferien auf einmal Türen im Gebäude, das Musikzimmer wurde verschlossen. Aus war es mit der pädagogischen Scheisse!

Und doch haben Sie sich in dieser von Ihnen so verhassten Gesellschaft arrangiert!

Stimmt! Man muss mit gleicher Waffe zurückschlagen, also habe ich sie ausgenommen, so viel ich konnte, in ihren Eingeweiden gewühlt und mir das Wertvollste gesichert.

Eines darf ich verraten, Sie haben die wirtschaftlichen Finanzzusammenhänge durchschaut und damit ihren Profit gemacht!

Richtig! Man muss die Kuh melken, bevor sie einen zupisst und -scheisst! Ich habe das System gerupft wie eine Weihnachtsgans! Und so habe ich jetzt die Musse, meine Abscheu in Worte zu fassen!

Um wieder auf Ihr Buch sprechen zu kommen!
Gibt es noch einen persönlichen Bezug, der Sie dazu gebracht hat zu schreiben?

Den gibt es! Als Kind fand ich Sprüche wie: ‘Scheisse in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale‘ oder ‚Hinter Rosen und Narzissen hat Klein-Erna hingesch…‘ oder ‚Hast du Scheisse in der Hose, du stinkst wie ne verwelkte Rose‘ oder die Eselsbrücke zum Lernen der Grenzflüsse mit Polen ‘Oder-Neisse - Pisse und Scheisse’,immer reizvoll. Und aus meiner Kinderzeit kann ich mich als 6jähriger nur an einen Friseurbesuch erinnern, das war der, bei dem ich mich nicht getraut hatte, mitten beim Haareschneiden zu sagen, dass ich schnell aufs Klo muss! Ausserdem: Ich leide unter der Kackkrankheit, andere nennen es ‘Reizdarm’, aber ich wüsste nicht, was so reizvoll daran sein könnte, zehn Mal pro Tag auf die Toilette rennen zu müssen und nie zu wissen, ob der nächste Furz, den ich spontan ohne Kontrolle entweichen lassen muss, nicht hässliche braune Kacke-Flecken auf meiner Hose hinterlässt. Aber man könnte das Ganze als Bestätigung für meinen Überdruss sehen, mein Körper möchte sich pausenlos müllabführen! Übrigens: in anderen Gesellschaften ist die menschliche Notdurft wie bei uns vor ein paar hundert Jahren immer noch ein willkommenes Düngemittel! Ein gutes Beispiel ist Indien! Eine Bekannte schilderte den ersten Eindruck, den sie hatte, als sie aus dem Flugzeug in der Landeshauptstadt der Elfenbeinküste stieg: Das ganze Land stinkt nach Scheisse!

Bezeichnen Sie sich eher als Anti-Kapitalist oder als jemanden, dem das ganze Dasein zuwider ist?

Was soll schlecht daran sein, dass man im Verlauf des Verdauungsgeschäftes tagtäglich seine Abfallstoffe aus sich herauspresst und spritzt? Wenn der Mensch schon so geschaffen ist, dass das, was er oben in sich hineinschaufelt, innen verarbeitet wird und dann den Müll wieder von sich stösst, ist das doch nur positiv zu sehen! (Jedenfalls, wenn er nicht so oft auf die Schliessmuskeln drückt, wie bei mir!) Was macht die Klofrau nach Feierabend? Sie duscht sich den Gestank ab und schüttet den Rest mit einem Schnaps runter!

Das eine ist der biologische Ablauf, das andere ist das, was Sie eigentlich in Ihrem Buch ansprechen, mit Ihren Worten, den Dreck, der verbal und gedruckt produziert wird! Wollen Sie mit Ihrer Kritik das System ändern?

So weit will ich mich nicht aus dem Fenster lehnen! Aber wenn ich den einen oder anderen dazu bringe, in seinem Hirn nachzuforschen, was sich dort für eine stinkende Brühe befindet und ob doch noch etwas Verwertbares für die Menschheit vorhanden ist, hätte ich schon viel erreicht! Wer nichts findet, hört vielleicht auf, geistigen Dünnschiss zu produzieren. Wenn nicht: Scheiss was drauf! Hauptsache, es hat Spass gemacht! Dann können mich alle am Arsch lecken!

Herr X, ich danke Ihnen für das Gespräch! Den Mailschreibern, die die richtige Antwort auf die Quizfrage gefunden haben, geht das Buch in den nächsten Tagen zu!

Herr von Kotzebue, das ist Ihr bürgerlicher Name, ich danke Ihnen!

 


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